Der STANDARD hat am 17. Jänner 2026 eindrucksvoll beschrieben, wie tief die aktuellen Ereignisse im Iran die iranische Community in Österreich bewegen. Der Artikel macht sichtbar, was viele von uns seit Wochen empfinden: Schlaflosigkeit, Sorge um Angehörige – und zugleich die Hoffnung auf einen historischen Wendepunkt. Was dabei besonders deutlich wird: Trotz unterschiedlicher politischer Überzeugungen ist die iranische Diaspora in einem Punkt so geeint wie selten zuvor – in der klaren Ablehnung der islamischen Diktatur. Diese Geschlossenheit verdient eine genauere Betrachtung. Denn sie zeigt nicht nur den emotionalen Zustand einer Community, sondern auch ihre politische Reife.
Die iranische Community im Ausland ist politisch vielfältig. Wir kommen aus unterschiedlichen Richtungen, haben verschiedene Weltanschauungen und Biografien. Manche sind Monarchisten, andere Republikaner, Liberale, Linke, Religiöse oder Säkularisten. In normalen Zeiten würden wir leidenschaftlich über die Zukunft Irans diskutieren – so wie es in jeder lebendigen Demokratie üblich ist. Doch in diesen Tagen tritt all das in den Hintergrund. Denn es gibt einen Punkt, in dem wir geschlossen sind: in der klaren Ablehnung der islamischen Diktatur im Iran. Diese Einigkeit ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck politischer Reife.
Einheit in Vielfalt – ein demokratisches Zeichen
Gerade weil wir unterschiedliche politische Überzeugungen haben, zeigt unsere Geschlossenheit gegen das Regime, wie stark die iranische Zivilgesellschaft im Exil geworden ist. Vielfalt ist kein Zeichen von Schwäche – sie ist die Grundlage jeder Demokratie. Was wir heute in der Diaspora leben, fehlt dem iranischen Staat seit Jahrzehnten: freie Meinungsbildung, offene Debatten und der Respekt vor anderen Ansichten. In diesem Sinn verkörpert die iranische Community im Ausland bereits heute den Iran von morgen – einen Iran, der nicht auf Zwang, sondern auf Zustimmung basiert.
Einheit ist kein Selbstläufer
So sehr die iranische Diaspora heute in der Ablehnung der Diktatur geeint ist – diese Einheit ist nicht selbstverständlich. Sie musste wachsen. In der Vergangenheit haben einzelne politische Strömungen immer wieder versucht, die Opposition zu spalten. Besonders aus monarchistischen Kreisen gab es nicht selten pauschale Beschimpfungen anderer Oppositioneller, statt den Dialog zu suchen. Das hat Misstrauen erzeugt und der gemeinsamen Sache geschadet. Doch genau hier zeigt sich ein wichtiger Wandel.
Die große Mehrheit der iranischen Community im Ausland hat erkannt, dass persönliche Angriffe und ideologische Grabenkämpfe nur dem Regime in Teheran nützen. Spaltung war immer die stärkste Waffe der Diktatur. Heute wächst das Bewusstsein, dass niemand das Recht hat, allein für die Zukunft Irans zu sprechen. Nicht eine Gruppe, nicht eine Person, nicht eine Ideologie – sondern nur das iranische Volk selbst kann über seine Zukunft entscheiden. Diese neue Haltung setzt sich zunehmend durch: Respekt vor Vielfalt statt politischer Bevormundung.
Vielleicht musste man gehen, um Freiheit zu verstehen
Viele von uns mussten ihre Heimat verlassen, um in Freiheit leben zu können. In Ländern wie Österreich haben wir erlebt, was Rechtsstaatlichkeit bedeutet: unabhängige Gerichte, freie Medien, friedlicher Machtwechsel, Schutz von Minderheiten. Diese Erfahrungen prägen unser politisches Denken. Deshalb kämpfen wir nicht für den Austausch einer Diktatur durch eine andere, sondern für ein demokratisches System, das dem Menschen dient – nicht umgekehrt. Unser Ziel ist ein Iran, der den offenen Gesellschaften Europas ähnlicher ist als seiner eigenen autoritären Vergangenheit.
Zwei Heimaten zu lieben ist kein Widerspruch
Die Verbindung zur ursprünglichen Heimat reißt nie ab. Familie, Sprache, Kultur und Erinnerungen bleiben Teil unserer Identität. Gleichzeitig sind wir in Österreich angekommen – rechtlich, gesellschaftlich und emotional. Man kann zwei Heimaten im Herzen tragen und beiden loyal sein. Die Verbundenheit mit dem Iran widerspricht nicht der Loyalität zu Österreich. Im Gegenteil: Wer Freiheit erfahren hat, verteidigt sie umso entschlossener – für sich selbst und für andere. Gerade gut integrierte Migrantinnen und Migranten wissen, was auf dem Spiel steht, wenn Demokratie zerstört wird.
Wir sprechen für jene, die nicht sprechen dürfen
Die Stimmen der Diaspora ersetzen nicht die Stimmen im Iran. Aber solange dort Menschen verhaftet, gefoltert und zum Schweigen gebracht werden, tragen wir Verantwortung, ihre Realität sichtbar zu machen. Exil bedeutet nicht Distanz – es bedeutet Verpflichtung. Wir protestieren nicht aus sicherer Entfernung, sondern aus tiefer Verbundenheit. Viele von uns haben Angehörige in iranischen Gefängnissen oder verloren. Unser politisches Engagement ist keine Ideologie, sondern gelebte Solidarität.
Unser Ziel ist Gerechtigkeit, nicht Rache
Der Sturz einer Diktatur darf nicht in Chaos und Vergeltung enden. Ein freier Iran braucht keine Lynchjustiz, sondern Rechtsstaatlichkeit. Wahrheit, Verantwortung und faire Gerichte – nur so kann ein dauerhafter Neuanfang gelingen. Gerade weil wir das Leid kennen, wissen wir: Gewalt darf nicht die Grundlage der neuen Ordnung sein.
Dankbarkeit verpflichtet
Österreich hat vielen von uns Schutz und eine neue Perspektive gegeben. Diese Dankbarkeit zeigt sich nicht in Worten, sondern im Handeln: durch gesellschaftliches Engagement, durch politische Verantwortung und durch die Verteidigung demokratischer Werte. Die iranische Community beweist, dass Integration und klare Haltung zusammengehören.
Schlussgedanke
Wir sind unterschiedlich in unseren politischen Vorstellungen. Aber wir sind vereint in einem Punkt: Ein freier Iran gehört zur Zukunft der Welt – und zur moralischen Verantwortung Europas. Unsere Stimmen aus dem Exil sind kein Ersatz für die Stimmen im Iran. Doch solange dort geschwiegen werden muss, dürfen wir hier nicht schweigen.