(Veröffentlicht in Dezember-Ausgabe von Literaturzeitschrift „etcetera“ Nummer 101. – Foto: Doris Kloimstein -) https://www.st-poelten.at/news/19306-litges-etcetera-heftpr%C3%A4sentation )


Die Eroberung der Herzen der Menschen? Der Eintrag des eigenen Namens in Schulbücher? Oder ein Denkmal aus Stein auf einem Platz in der Hauptstadt – gedacht und geplant für die Ewigkeit? Die Wahrheit ist: Nichts davon garantiert echte Unsterblichkeit. Unser Gedächtnis ist keine Festplatte, auf der alle Daten immer verfügbar bleiben. Namen, die oft erwähnt und wiederholt werden, bleiben präsent. Andere – oft sogar bedeutendere Persönlichkeiten – verschwinden, weil sie keinen Platz in den dominanten Erzählungen finden.

Einige sind fest überzeugt: Man ist unsterblich, wenn man Großes für das Land geleistet hat. Kriege führen und Blut vergießen, Länder erobern, Kulturen vernichten, Städte und Dörfer niederbrennen, monumentale Denkmäler errichten lassen – auch wenn das das Leben von Tausenden kostet. All das galt lange Zeit als Zeichen von Größe. Alexander der Große, Dschingis Khan, die Pharaonen, Hitler oder Stalin zählen dazu. Tatsächlich sind sie auf gewisse Weise „unsterblich“ – aber eben nur fast. Ihre Namen tauchen im Geschichtsunterricht auf, in der Politikwissenschaft, in Drehbüchern für Dokumentationen oder Hollywood-Fantasyfilme. Dann werden solche Namen als Belege für Argumente benutzt – oft mit Übertreibungen oder mit Legenden ausgeschmückt. Wahrheit und Mythos vermischen sich. Wer die Macht hatte, sich selbst hervorzuheben, schuf seine eigene „Unsterblichkeit“ – auf Kosten der Wahrheit. Jedes Mal, wenn man über sie spricht, wünscht man sich, sie wären nie da gewesen.

Andere behaupten: Menschen, die ihr Land verteidigt haben und sich gegen solche Tyrannen stellten, seien unsterblich. Auch sie sind in gewisser Weise unsterblich – aber wieder: nur fast. Ich wette 100 zu 1, dass viele von Ihnen (so wie ich selbst, bevor ich ChatGPT nach ihren Namen fragte) nie von diesen Personen gehört haben:

Das kollektive Gedächtnis merkt sich automatisch nur einige wenige prominente Persönlichkeiten. Diese kommen vielleicht bei Feiertagen oder Museumsführungen vor. Und wenn ein Student beschließt, die Geschichte seines Landes genau zu untersuchen und unter die Lupe zu nehmen, dann erscheinen sie möglicherweise in ein paar Absätzen einer Doktorarbeit. Unsterblichkeit ist nicht garantiert für Heldentum oder Opferbereitschaft. Sie hängt davon ab, wer die Geschichte schreibt – und wie sehr eine Gesellschaft bereit ist, sich zu erinnern.

Es gibt aber auch Beispiele für wahre, positive Unsterblichkeit. Gewalt und Unterdrückung hinterlassen Narben. Wahre Unsterblichkeit entsteht nicht, wenn man Länder erobert, sondern wenn man das Herz der Menschen erobert. Namen wie Nelson Mandela, der Südafrika nach der Apartheid in eine demokratische Zukunft führte, ohne Rache zu üben, oder Mahatma Gandhi, der die Gewaltlosigkeit zum politischen Prinzip erhob, stehen genau für diese andere Art von Unsterblichkeit. Und auch Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn wird bis heute nicht in erster Linie als Kriegsherr erinnert, sondern als Symbol einer Epoche – der „k.u.k.-Zeit“ –, die in vielen Köpfen mit Kultur und Stabilität verbunden ist. Es sind also nicht Unterwerfung und Macht, die überdauern, sondern das, was im Herzen der Menschen bleibt. Denken wir an Begriffe wie Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Frieden – sie hinterlassen Spuren, die weit länger bestehen als jedes Denkmal aus Stein.

Viele glauben, dass Wissenschaftler, Philosophen oder Künstler unsterblich sind. Diese Vorstellung kommt der Wahrheit wohl am nächsten. Wer kennt nicht Newton, Einstein, Sokrates, Freud oder da Vinci? Doch das Problem ist: Je älter eine Entdeckung wird, desto selbstverständlicher erscheint sie den Menschen – und umso weniger fragt man danach, wie sie entstanden ist. Am Ende gerät auch der Name dahinter langsam, aber sicher in Vergessenheit.

Hinzu kommt ein zweites Problem: Die Erfindungen unserer Zeit sind extrem schnelllebig. In den letzten fünfzig Jahren wurden mehr Fortschritte gemacht als in den Jahrhunderten davor. Technologien entstehen, verändern unser Leben – und werden oft schon nach wenigen Jahren von neuen Entwicklungen überholt. Wer kennt heute noch die Namen der Menschen, die den Transistor erfanden – jenes kleine Bauteil, ohne das es keine Computer, keine Smartphones und keine digitale Welt gäbe?

Dank ChatGPT habe ich folgende Namen gefunden. Kennen Sie sie?

Je schneller sich unsere Welt verändert, desto vergänglicher scheinen auch die Namen ihrer Schöpfer. Ideen und Entdeckungen bleiben – aber die Menschen dahinter verschwinden immer schneller aus dem kollektiven Gedächtnis. Soziale Medien beschleunigen diesen Prozess noch: Sie bevorzugen, was kurzfristig Aufmerksamkeit bringt. Alles andere verblasst – oder geht ganz in der Masse unter.

Ich habe meine eigene, vielleicht etwas ungewöhnliche Meinung dazu. Für mich zeigt sich Unsterblichkeit nicht in Denkmälern oder Schulbüchern, sondern in den kleinen Dingen – in alltäglichen Gesten, in einfachen Ratschlägen, die weitergegeben werden. Dinge, die wir im Herzen tragen, oft ohne zu wissen, woher sie eigentlich kommen.

  1. „Iss kein Milchprodukt, wenn du Fisch gegessen hast“ oder „Arbeiten ist keine Schande – Stehlen schon.“ – so sprach meine Mutter. Ich halte mich noch heute daran und gebe diese einfachen, klaren und wahren Sätze auch an meine Kinder weiter. Sie kamen vom Herzen und hatten nur ein Ziel: die Gesundheit und Zukunft der Kinder zu sichern.
  2. „Geh nie ohne Schal aus, wenn es windig ist.“ – dieser Rat meiner Großmutter väterlicherseits klingt mir bis heute in den Ohren. Ich höre mich selbst, wie ich denselben Satz zu meinen Kindern sage. Sie war bereit, sich ohne Zögern für ihre Enkelkinder aufzuopfern.
  3. „Das Essen schmeckt besser in Gemeinschaft“ und „Fragen ist keine Schande – unwissend zu sein dagegen schon“ – das waren Leitsätze meines Vaters. Er war gastfreundlich und stellte immer die Familie, Verwandte, Freunde und Bekannten in den Vordergrund. Einen Teil davon möchte ich zumindest meinen Kindern weitergeben.
  4. „Lieber Freund, ich stehe hinter dir“ und „Du kannst auf mich zählen“ – das waren Worte, die ich von meinen wahren Freunden hörte. Erst in Zeiten der Not erkennt man den Wert echter Freundschaft. Ihre moralische und manchmal auch finanzielle Unterstützung haben viele von uns schon selbst erlebt. Werden solche Freunde jemals „sterben“?
  5. Nicholas Winton, ein britischer Geschäftsmann, rettete während des Zweiten Weltkriegs – still, ohne Öffentlichkeit zu suchen – 669 jüdische Kinder aus der Tschechoslowakei vor dem Holocaust. Man kennt seinen Namen vielleicht nicht sofort, doch seine Tat, geboren aus Mut, Wille und Mitgefühl, bleibt unvergänglich. Wird so etwas je „sterben“?

Vielleicht ist das wahre Unsterblichkeit: wenn man Leben rettet oder anderen hilft, ohne dafür gefeiert werden zu wollen. Die Dankbarkeit lebt dann still durch die Generationen weiter.

Unsterblichkeit bedeutet also nicht, dass viele Menschen deinen Namen kennen. Unsterblich ist jemand dann, wenn er das Leben anderer verändert hat – leise, ohne große Bühne. Nicht durch Denkmäler aus Stein, sondern durch kleine Spuren im Alltag. In einem guten Gedanken, in einer freundlichen Tat, in einem Satz – oder, für mich ganz persönlich, in meinen Kindern, die diese Sätze irgendwann weitergeben und damit ein Stück von mir lebendig halten.

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